Lack & Karosserie

Kratzer im Lack: polieren, ausbessern oder lackieren?

Der Fingernageltest zeigt in zehn Sekunden, wie tief der Schaden geht – und welcher der drei Reparaturwege bei dir Sinn ergibt.

Neuhof Meisterwerkstatt 6 Min. Lesezeit

Der Nachbar hat beim Ausparken die Tür erwischt, oder im Parkhaus stand die Säule enger als gedacht. Bevor du einen Preis suchst, brauchst du eine Diagnose – und die machst du selbst in zehn Sekunden.

Der Fingernageltest

Fahr mit dem Fingernagel quer über den Kratzer.

Der Nagel bleibt nicht hängen. Der Kratzer sitzt im Klarlack, der obersten Schicht. Das lässt sich in den meisten Fällen auspolieren – Material wird abgetragen, bis die Vertiefung verschwindet. Kein Lackierer nötig.

Der Nagel hakt ein, die Farbe stimmt noch. Der Kratzer reicht in den Farblack. Polieren hilft hier nicht mehr, die Delle bleibt sichtbar. Je nach Größe kommt Smart Repair oder eine Teillackierung in Frage.

Es schimmert grau, weiß oder metallisch. Grundierung oder blankes Blech. Das ist der Fall, bei dem es eilt: Ungeschütztes Blech beginnt in Hamburger Luft zügig zu rosten, und im Winter kommt Streusalz dazu. Aus einem Lackthema wird dann ein Blechthema, und das ist eine andere Größenordnung.

Die drei Wege

Polieren. Für Klarlackkratzer, matte Stellen und Verwirbelungen aus der Waschanlage. Der Lack wird minimal abgetragen – deshalb ist das nicht beliebig oft wiederholbar.

Smart Repair. Für kleine, örtlich begrenzte Schäden. Es wird nur die beschädigte Stelle bearbeitet und der Lack punktuell aufgebaut. Günstiger und schneller, sinnvoll bei Steinschlägen und kleinen Kratzern.

Teillackierung. Das betroffene Bauteil wird angeschliffen, grundiert, lackiert und zu den Nachbarflächen hin ausgeblendet. Das ist der Weg für größere Schäden, für Stellen bis aufs Blech und immer dann, wenn das Ergebnis dauerhaft halten und unsichtbar bleiben soll. Was wir dabei machen, steht auf der Seite zu Teillackierarbeiten.

Warum der Farbcode entscheidet

„Silber” ist keine Farbe, sondern eine Kategorie. Allein bei einem Hersteller gibt es davon über die Baujahre mehrere Varianten, die nebeneinander sofort auffallen.

Was zählt, ist der Farbcode vom Typschild – je nach Hersteller im Rahmen der Fahrertür, unter der Motorhaube, im Kofferraum unter der Bodenmatte oder im Serviceheft.

Und selbst mit dem richtigen Code ist es nicht fertig: Lack altert. Ein zehn Jahre altes Rot ist nicht mehr das Rot aus der Dose. Deshalb wird die Farbe angepasst und der Übergang ausgeblendet, statt eine Fläche hart abzusetzen. Genau daran erkennt man später eine schlechte Lackierung – nicht an der Farbe selbst, sondern an der Kante.

Was der Lackstift aus dem Zubehörhandel kann

Bei einem Steinschlag im Millimeterbereich: Er verschließt die Stelle und hält Feuchtigkeit vom Blech fern. Das ist mehr wert als nichts zu tun.

Bei einem längeren Kratzer: Er hinterlässt eine sichtbare Wulst und macht die spätere ordentliche Reparatur eher aufwendiger. Wer die Fläche danach lackieren lässt, muss den Stift erst wieder herunterschleifen.

Wann du nicht warten solltest

  • Blankes Blech oder Grundierung sichtbar – Rostgefahr, gilt besonders im Winter
  • Rostpunkte, die schon aufgeblüht sind – die wachsen unter dem Lack weiter
  • Schäden an Kanten, Falzen und Radläufen – dort sammelt sich Wasser

Reiner Optikschaden im Klarlack kann warten, bis es dir wichtig genug ist. Alles andere wird mit jedem Monat teurer.

Und wenn ein anderer schuld war

Bei einem Parkschaden mit bekanntem Verursacher läuft die Sache über dessen Haftpflicht. Sinnvolle Reihenfolge: fotografieren, Schaden dokumentieren, Kostenvoranschlag machen lassen. Wie ein Kostenvoranschlag zu lesen ist und was er kostet, steht in Was die Werkstattstunde kostet.

Häufige Fragen

Das werden wir oft gefragt.

Woran erkenne ich, wie tief ein Kratzer ist?

Fahr quer mit dem Fingernagel darüber. Bleibt er nicht hängen, sitzt der Kratzer im Klarlack und lässt sich meist auspolieren. Hakt er ein, ist der Farblack betroffen. Schimmert es grau oder metallisch, liegt Grundierung oder Blech frei – dann muss lackiert werden, sonst rostet es.

Was ist eine Teillackierung?

Es wird nicht das ganze Fahrzeug lackiert, sondern nur das betroffene Bauteil oder ein Teil davon. Der neue Lack wird zu den angrenzenden Flächen hin ausgeblendet, damit der Übergang nicht sichtbar bleibt.

Wo finde ich den Farbcode meines Autos?

Auf dem Typschild – je nach Hersteller im Türrahmen der Fahrertür, unter der Motorhaube, im Kofferraum unter der Bodenmatte oder im Serviceheft. Der Farbname allein reicht nicht: Von einem Silber gibt es je nach Baujahr mehrere Varianten.

Lohnt sich die Reparatur bei einem älteren Auto?

Wenn blankes Blech oder Grundierung sichtbar ist, ja – dort fängt Rost an, und der wird deutlich teurer als die Lackreparatur. Ein oberflächlicher Kratzer im Klarlack ist dagegen reine Optik und kann warten.